die mesopotamischen Götter Enki und Enlil

Die mesopotamischen Ursprünge der Bibel

Der mesopotamische Schock ist der Albtraum eines jeden Jahwe-Anhängers – egal, ob Christ oder Jude: Man öffnet das angeblich vom Schöpfer des Universums diktierte Buch der Bücher und stellt fest, dass die besten Geschichten schon Jahrtausende vorher auf Tontafeln geritzt wurden. 

Und zwar von polytheistischen Heiden!

Die moderne Forschung lässt keinen Raum für romantische Offenbarungsmythen. Wer die Texte des Alten Testaments unvoreingenommen analysiert, stößt unweigerlich auf die mesopotamischen Ursprünge der Bibel. 

Wer schrieb die Bibel?: So entstand das alte Testament
Über die Entstehung des „Alten Testaments“: Viele Jahrhunderte lang beschäftigte die Frage nach den Verfassern des AT Gelehrte und Forscher. [Anzeige]

Die vermeintlich einzigartigen Berichte über die Erschaffung der Welt, die Vertreibung aus dem Paradies und die Rettung der Tierwelt in einer hölzernen Arche sind keine göttlichen Exklusivberichte, sondern theologische Recyclingprodukte aus dem Zweistromland.

Hat Mesopotamien die Bibel beeinflusst?

Ja, und zwar massiv. Die Frage ist längst nicht mehr ob, sondern wie radikal dieser Einfluss war. In einer aktuellen Podcast-Episode diskutiert der renommierte Neutestamentler und Bibelkritiker Bart Ehrman mit der Altorientalismus-Expertin Megan Lewis über genau diese Verflechtungen. 

Die wissenschaftlichen Fakten sind erdrückend: Die biblischen Erzählungen sind keine isolierten historischen Berichte. Die israelitischen Autoren haben die existierenden Mythen der Großmächte jedoch nicht plump kopiert, sondern sie theologisch umgedeutet, um eine eigene Identität zu stiften.

Noahs Arche und das Plagiat der Sintflut

Ein Paradebeispiel für die mesopotamischen Ursprünge der Bibel ist die Sintflut-Erzählung. 

Jahrhundertelang glaubten gläubige Christen, die Arche Noah sei ein historisches Faktum. Dann fand man das Gilgamesch-Epos und das Atrahasis-Epos.

Gilgamesch-Epos
Das Gilgamesch-Epos stammt aus dem 18. Jh. v. Chr. (Anzeige)

Die literarischen Parallelen – der Bau des Kastenschiffs, das Bestreichen mit Pech, das Aussenden von Vögeln (Rabe und Taube) zur Überprüfung des Wasserstandes – sind bis in die Wortwahl hinein identisch. 

KriteriumMesopotamischer Mythos (Atrahasis / Gilgamesch)Biblischer Bericht (Genesis)
Grund für die FlutDie Menschheit ist zu laut; Gott Enlil kann nicht schlafen.Die Menschheit ist moralisch böse und korrupt.
Göttliche RollenAufgeteilt: Enlil will vernichten, Enki warnt heimlich seinen Liebling.Fusioniert: Jahwe ist sowohl der strafende Richter als auch der Retter.
Zweck des MythosÄtiologisch: Erklärt, warum es Unfruchtbarkeit zur Geburtenkontrolle gibt.Theologisch: Demonstration der absoluten Souveränität und „Gerechtigkeit“ Jahwes.

Die israelitischen Schreiber nahmen eine populäre mesopotamische Geschichte und verpassten ihr einen ethischen Anstrich: Aus den schlafgestörten, neurotischen Göttern Mesopotamiens wurde über die Zwischenstufe des Henotheismus der eine, moralisch entrüstete Jahwe.

Jahwe, der biblische Gott: Ein Porträt
Dieses Buch zeichnet ein Porträt des biblischen Gottes, der in einer beispiellosen „Karriere“ von der Gottheit eines politisch unbedeutenden Volkes am östlichen Rand des Mittelmeers zum monotheistischen Gott der westlichen Kultur aufgestiegen ist.
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Der Schöpfungsbericht (Genesis 1,1–2,4a)

Der priesterschriftliche Schöpfungsbericht (P) nutzt die altorientalische Kosmologie Mesopotamiens, formuliert sie jedoch theologisch um (Polemik gegen den Polytheismus).

Mesopotamische Quelle ist das babylonische Weltschöpfungsepos Enuma Elisch.

Der babylonische Weltschöpfungsmythos Enuma Elisch
Der babylonische Weltschöpfungsmythos Enuma Elisch (Klicke auf das Cover / Anzeige)

Das hebräische Wort für die „Tiefe“/Urflut ist Tehom ($תְּהוֹם$). Dies ist linguistisch direkt verwandt mit Tiamat, der babylonischen Personifikation des Chaos im Enuma Elisch.

Marduk_Gott
Der babylonische Hauptgott Marduk im Kampf gegen das mythische Wesen Tiamat

Die „Scheidung der Wasser“ findet seine Entsprechung im Enuma Elisch, indem Gott Marduk den Leichnam der getöteten Tiamat „wie eine Muschel“ spaltet, um aus der einen Hälfte den Himmel und aus der anderen die Erde zu formen und das kosmische Wasser zurückzuhalten.

Die Erschaffung des Menschen aus Staub/Erde (Genesis 2,7)

In Gen 2,7 formt Jahwe den Menschen aus „Erde vom Acker“ und bläst ihm den Lebensodem ein. 

In den mesopotamischen Mythen (Atrahasis-Epos und der Mythos von Enki und Ninmach) formt die Muttergöttin (Mami/Nintu) den Menschen aus Lehm, vermischt mit dem Blut eines geschlachteten Gottes, um Arbeiter für die Götter zu schaffen.

Der Turmbau zu Babel (Genesis 11,1-9)

Mesopotamischer Hintergrund sind die historischen Berichte über den Bau und die Renovierung der Zikkurat Etemenanki (der Tempelturm von Babylon, dem Gott Marduk geweiht).

Die Erwähnung, dass sie „Ziegel als Stein und Erdharz (Asphalt) als Mörtel“ nahmen, beschreibt exakt die typisch mesopotamische Bauweise im Gegensatz zur palästinischen Steinarchitektur. 

Der Text reflektiert die jüdische Perspektive auf die Metropole Babylon (während des Exils im 6. Jh. v. Chr).

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Nimrod und die mesopotamischen Städte (Genesis 10,8-11)

Die Völkertafel nennt Nimrod als ersten Herrscher und verortet sein Reich explizit in Mesopotamien: „Babel, Erech (Uruk), Akkad und Kalne im Lande Schinar (Sumer)“ sowie den Bau von „Ninive und Kelach“. 

Hier liegt eine direkte historische Erinnerung an die assyrischen und babylonischen Großreiche vor.

Hintergrund: Welches Land war Mesopotamien in der Bibel?

Wer sich mit der Entstehung des Judentums, der Bibel oder den Religionen des Alten Orients beschäftigt, stößt schnell auf eine verwirrende Vielzahl von Namen: Sumerer, Babylonier, Assyrer, Hethiter, Kanaaniter, Israeliten und viele andere. 

Dabei handelt es sich nicht um gleichzeitig existierende Völker derselben Epoche, sondern um verschiedene Kulturen und Reiche, die über Jahrtausende hinweg den Vorderen Orient prägten. 

Der geografische Rahmen wird meist als „Fruchtbarer Halbmond“ bezeichnet und umfasst Mesopotamien, die Levante und Teile Anatoliens. 

Adam und Eva im Paradies Karte
Der „fruchtbare Halbmond“ in Mesopotamien war Wiege der neolithischen Revolution

„Zweistromland“ zwischen Euphrat und Tigris 

„Mesopotamien“ war keine politische Einheit, sondern ein geografischer Begriff für Land im heutigen Irak und Teilen Syriens. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet schlicht „das Land zwischen den Strömen“ – gemeint sind die Flüsse Euphrat und Tigris. (Siehe Karte oben)

Mesopotamien ist also das „Zweistromland“. 

Die „Levante“ bezeichnet dagegen die östliche Mittelmeerküste mit den heutigen Gebieten Israels, Palästinas, Jordaniens, Libanons und Teilen Syriens. Hier entwickelten sich die kanaanäischen Stadtstaaten, aus denen später die Reiche Israel und Juda hervorgingen. 

Inforgrafik über Mesopotamien und die Schriftentwicklung
Von Ton-Token bis zur Schrifttradition: die kulturelle Entfaltung des Zweistromlands

Die Geschichte der Bibel spielt somit nicht isoliert, sondern vor dem Hintergrund eines komplexen Netzes von Kulturen, Handelsbeziehungen, Kriegen und religiösem Austausch, der den gesamten Alten Orient prägte.

Wenn wir also in den biblischen Texten von Regionen wie Babel, Sumer, Assur oder Ur in Chaldäa lesen, bewegen wir uns geografisch immer im antiken Mesopotamien. In der biblischen Geografie ist diese Region das Epizentrum des Geschehens, lange bevor ein vermeintliches „Auserwähltes Volk“ überhaupt die historische Bühne betrat. Hier verorteten die Autoren den Garten Eden. 

Und von hier, genauer gesagt aus der sumerischen Metropole Ur, soll auch der Stammvater Abraham einst aufgebrochen sein. Die Bibel selbst gibt also unfreiwillig zu, dass ihre Wurzeln just in dem Boden vergraben liegen, den sie später als Hort des Lasters und des Heidentums brandmarkte.

Wann wurde Mesopotamien besiedelt?

Um die literarische Abhängigkeit der biblischen Autoren zu verstehen, muss man einen Blick auf die nackten Zahlen der Chronologie werfen. Während biblische Erzählungen über die Erzväter wie Abraham traditionell (und historisch unhaltbar) auf das 18. Jahrhundert v. Chr. datiert werden, zeigt die Archäologie ein völlig anderes Bild.

Hochentwickelte Zivilisationen mit monumentaler Architektur, komplexer Verwaltung und den ersten Schriftsystemen der Menschheit entstanden in Mesopotamien bereits im 4. Jahrtausend v. u. Z. – also rund 2.000 Jahre vor der allerersten historischen Erwähnung Israels (die war um 1200 v. Chr. auf der ägyptischen Merenptah-Stele). 

„Tjehenu ist erobert.
Hatti ist befriedet.
Kanaan ist mit allem Übel erbeutet.
Askalon ist herbeigeführt.
Gezer ist gepackt.
Jenoam ist zunichtegemacht.
Israel ist verwüstet, seine Saat ist nicht mehr.“

Auszug aus der Merenptah-Stele mit der ersten Erwähnung Israels

Städte wie Uruk florierten, als im späteren Palästina noch nomadische Hirten durch die Hügel zogen. Die mesopotamische Kultur hatte bereits eine jahrtausendealte literarische Tradition hinter sich, als die ersten hebräischen Texte überhaupt erst konzipiert wurden.

Was war der „Club der Großmächte“ und welche Rolle spielte Israel?

Der sogenannte „Club der Großmächte“ (Great Powers Club) war ein politisches Geflecht im Alten Orient, das etwa vom 15. bis zum 11. Jahrhundert v. Chr. existierte. 

Reich/KulturHauptgebietBlütezeit (v. u. Z.)Bedeutung
SumerSüd- Mesopotamien3500–2000Erste Städte, Keilschrift, frühe Tempelstaaten
Akkadisches ReichMesopotamien2334–2154Erstes Großreich Mesopotamiens unter Sargon von Akkad
Altes BabylonienMesopotamien1894–1595Reich des Hammurapi, berühmter Gesetzeskodex
HethiterreichAnatolien1650–1180 Großmacht rivalisierend mit Ägypten
Ägyptisches Neues ReichÄgypten und Levante1550–1070 Kontrolle großer Teile Kanaans
Mittleres Assyrisches ReichNord-Mesopotamien1392–934 Aufstieg Assyriens
Neuassyrisches ReichMesopotamien und Levante911–609Militärische Supermacht des Alten Orients
Königreich IsraelLevante1000–722Nordreich der Israeliten
Königreich JudaLevante930–586Südreich mit Jerusalem
Neubabylonisches ReichMesopotamien626–539 Zerstörung Jerusalems, Babylonisches Exil
Achämenidenreich (Persien)Iran bis Ägypten550–330Größtes Reich seiner Zeit, Rückkehr der Juden aus dem Exil
Hellenistische ReicheÖstlicher Mittelmeerraum330–63Ausbreitung griechischer Kultur nach Alexander dem Großen
Römisches ReichMittelmeerraumab 63Herrschaft zur Zeit Jesu


Karte des mesopotamischen Raums um 1500 v. Chr.
Lage des Mittanireiches um 1500 v. Chr.
(Enyavar, Wikicommons, CC BY-SA 4.0)

Die Herrscher dieser Großmächte betrachteten sich zeitweise gegenseitig als eine Art „Bruderschaft“.

Sie agierten wie weit entfernte Brieffreunde, die einander Briefe schrieben und Geschenke austauschten, während sie allerdings gleichzeitig in einem „diplomatischen Hexenkessel“ um Macht und Einfluss konkurrierten.

Club der Großmächte: Karte Mesopotamiens um 1200 v. Chr.
300 Jahre später: Das Hethiterreich und seine Nachbarn um 1230/20 v. Chr.
(Wikicommons, CC BY-SA 3.0)

Die Rolle Israels im mesopotamischen „Hexenkessel der Großmächte“

Im Gegensatz zur zentralen Rolle, die Israel in der Bibel einnimmt, war es historisch gesehen über weite Strecken nur ein Nebendarsteller in der Levante und bestand zu dieser Zeit eher aus kleinen Stadtstaaten, die inmitten dieser kollidierenden Großmächte lagen.

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Israel befand sich auf einem schmalen Landstreifen nahe der Mittelmeerküste, der von Gebirgen umgeben war. Diese Region war für die Großmächte strategisch enorm wichtig, da dort lukrative Handelsrouten (mit Händlern aus Zypern, Griechenland und der Türkei) verliefen. 

Infolgedessen diente Israel oft als eine Art „Pufferstaat“, der ständig von einer Macht zur nächsten geschoben wurde. Die politische Geschichte der Region war geprägt von aufeinanderfolgenden Invasionen der Ägypter, Mitanni und Assyrer. Für die Bewohner nicht gerade einfach.

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Wo liegt das frühere Mesopotamien heute?

Wer die historischen Stätten der mesopotamischen Ursprünge der Bibel auf einer modernen Landkarte sucht, muss in den Nahen Osten blicken. Das Kernland des antiken Mesopotamiens deckt sich im Wesentlichen mit dem Staatsgebiet des heutigen Irak.

Darüber hinaus erstreckte sich die Kulturregion über Teile des heutigen Syriens, Kuwaits sowie der südöstlichen Türkei. Wo also heute politische Instabilität und Wüstensand herrschen, lag die Wiege jener Mythen, die über den Umweg der jüdisch-christlichen Tradition bis heute das westliche Weltbild prägen.

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Welches Volk lebte in Mesopotamien?

Mesopotamien war wie erwähnt kein homogener Nationalstaat eines einzelnen Volkes, sondern ein Schmelztiegel verschiedener Hochkulturen, die sich über Jahrtausende hinweg die Klinke in die Hand gaben.

Die führenden und größten Reiche waren: 

All diese Völker hinterließen einen gigantischen Korpus an Keilschrifttexten und anderen Schriften. 

Als die Judäer im 6. Jahrhundert v. Chr. während des Babylonischen Exils im Herzen dieses Kulturraums saßen, schwammen sie geradezu in diesem jahrtausendealten literarischen Ozean.

Sumer und Akkad
Gilgamesch

Welche Religion herrschte dort?

Die religiöse Landschaft Mesopotamiens war radikal polytheistisch, bunt und zutiefst pragmatisch. Man verehrte ein riesiges Pantheon an Naturgewalten und Stadtgöttern: 

  • Anu (den Himmelsgott), 
  • Enlil (den Gott des Windes und des Sturms) oder 
  • Enki (den listigen Gott des Wassers und der Weisheit), 
  • die Assyrer verehrten Aššur
  • die Babylonier beteten zu Marduk, dessen Aufstieg im babylonischen Götterkosmos Gegenstand des Epos Enūma eliš ist.

Es gab keine moralisierenden Sündenkataloge wie in der späteren Bibel. Die Götter waren launisch, brauchten Nahrung in Form von Opfern und verhielten sich oft wie eine zerstrittene Adelsfamilie. 

die mesopotamischen Götter Enki und Enlil
Die mesopotamischen Götter Enki und Enlil (KI-Interpretation)

Genau diese Dynamik sollte sich als die perfekte literarische Vorlage für die biblischen Autoren erweisen, die vor der Herausforderung standen, dieses göttliche Chaos in ein einziges, monotheistisches Konstrukt zu pressen.

Wie unterscheidet sich die historische Archäologie Palästinas von den biblischen Berichten?

Der theologische Spin der Bibel versucht uns einzureden, dass Israel ein völlig isoliertes, moralisch überlegenes Volk war, das sich durch seinen exklusiven Monotheismus von den „heidnischen“ Nachbarn unterschied. 

Das stimmt so aber nicht. Die historische Archäologie Palästinas zieht diesem Mythos gnadenlos den Boden unter den Füßen weg.

  1. Das Märchen vom Exodus
    Die ägyptische (und israelische) Archäologie und Geschichtsschreibung weiß absolut nichts von einem massiven Auszug von Millionen jüdischer Sklaven oder der Vernichtung einer pharaonischen Armee im Roten Meer. Es gibt keine Spuren einer jahrzehntelangen Massenwanderung durch die Sinai-Wüste und auch keine Wagenräder im Roten Meer.
  2. Israel spielt nur Nebenrolle
    Während die Bibel das Reich von David und Salomo zu einem imperialen Weltreich aufbläst, zeigt die Archäologie, dass Juda über weite Strecken ein winziger, geopolitisch unbedeutender Pufferstaat war. Spielball der echten Großmächte Ägypten, Hethiterreich und Assyrien, schrieben sich die biblischen Autoren wohl ihren Frust und ihre Ohnmacht in Form von imperialen Allmachtsfantasien von der Seele.
  3. Kanaaniter, wohin man blickt
    Ausgrabungen zeigen, dass die materiellen Hinterlassenschaften früher israelitischer Siedlungen (Keramik, Architektur, Werkzeuge) absolut identisch mit denen der Kanaaniter sind. Die Israeliten waren genetisch und kulturell schlicht Kanaaniter, die sich im Bergland ansiedelten. Dies wurde durch genetische Untersuchungen ebenfalls bestätigt. 

Die Anweisung Jahwes zur Vernichtung der Kanaaniter, die laut Josua 11,8 so gründlich ausgeführt wurde, „dass keiner von ihnen übrig blieb, der hätte entkommen können“, findet sich in Deuteronomium.

(17) Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat, (18) damit sie euch nicht lehren, alle Gräuel nachzuahmen, die sie begingen, wenn sie ihren Göttern dienten, und ihr nicht gegen den Herrn, euren Gott, sündigt.

Deuteronomium 20, 17–18

Dieser Völkermord kann so aber gar nicht stattgefunden haben.

Im Gegenteil sprechen die Untersuchungsergebnisse dafür, dass die Israeliten Nachkommen der Kanaaniter sind. 

Was verrät die Archäologie über die Verehrung der Göttin Aschera?

Der biblische Monotheismus ist kein historisches Faktum der Frühzeit, sondern eine späte, politisch motivierte Erfindung des 7. und 6. Jahrhunderts v. Chr. 

Archäologische Funde wie die Inschriften von Kuntillet ʻAjrud und Chirbet el-Qom belegen spektakulär, dass die frühen Israeliten tief im altorientalischen Polytheismus verwurzelt waren. Auch Jahwe wurde mit einer Partnerin dargestellt. 

Die Göttin Aschera war im Volksglauben die feste Partnerin, die Ehefrau Jahwes. In fast jedem israelitischen Haushalt dieser Epoche finden Archäologen weibliche Tonfiguren (sogenannte Pfeilerfigurinen), die den Aschera-Kult belegen. 

„Ich segne dich vor Jahwe von Samaria und seiner Aschera.“

Archäologische Inschrift aus Kuntillet ʻAjrud

Die späteren Autoren der Bibel betrieben nach dem Exil eine radikale Zensur und historische Revision. Sie tilgten die Göttin weitgehend aus den Texten und stellten den historischen Polytheismus der eigenen Bevölkerung fälschlicherweise als temporären „Abfall vom wahren Glauben“ dar.

Buch: Analyse der These eines Götterpaares 'Jahwe und Aschera' anhand der Funde von Kuntillet Agrud
Diese Studienarbeit aus dem Jahr 2002 im Fachbereich Theologie beschäftigt sich mit der Frage nach „Jahwe und Aschera“ in der vorexilischen Religion Israels bzw. Judas. [Anzeige]

Welche Rolle spielten babylonische Gesetzestexte wie der Codex Hammurapi?

Nicht nur die Mythen, auch die vermeintlich einzigartigen ethischen und rechtlichen Offenbarungen vom Berg Sinai haben ihre Wurzeln im irakischen Wüstensand. 

Der berühmte Codex Hammurapi, dessen Entstehung um das Jahr 1792 v. Chr. ansetzt, lag bereits über ein Jahrtausend fix und fertig in den Bibliotheken des Nahen Ostens, bevor das Buch Deuteronomium oder das Bundesbuch in der Genesis das Licht der Welt erblickten.

Das berühmte Prinzip des Talionsrechts – das klassische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – ist keine jüdische Erfindung zur Eindämmung von Blutrache, sondern stammt eins zu eins aus der babylonischen Rechtstradition.

Das Königreich Babylon

Der Einfluss Mesopotamiens auf die Bibel

In der heutigen alttestamentlichen Wissenschaft (u. a. Hermann Gunkel folgend, weitergeführt von Forschern wie Schimon Gesundheit oder Markus Witte) wird nicht mehr von einem plumpen „Abschreiben“ ausgegangen (wie es zur Zeit des Babel-Bibel-Streits durch Friedrich Delitzsch Anfang des 20. Jahrhunderts postuliert wurde).

Man spricht heute von kultureller Rezeption und Transformation. 

Die jüdischen Schreiber (insbesondere während und nach dem Babylonischen Exil, 586–539 v. Chr.) kannten die mesopotamischen Elite-Texte. Die biblischen Autoren schrieben in keinem kulturellen Vakuum.

Sie nutzten diese bekannten literarischen Muster als „Folie“, um ihre eigene, monotheistische Geschichtstheologie darzustellen. Dabei wurden polytheistische Mythen systematisch entmythologisiert und im Sinne des Jahwe-Glaubens umgeschrieben, oft auch als literarischer Widerstand gegen die babylonische Hegemonialmacht.

Sie nutzten die standardisierten juristischen Formulierungen (Hammurapi) und den formalen Rahmen der mesopotamischen Hochkultur, um ihren eigenen Gesetzen Autorität zu verleihen. 

Der feine Unterschied: Während Hammurapi seine Gesetze direkt vom Sonnengott Schamasch empfangen haben will (wie auf der berühmten Diorit-Stele im Louvre zu sehen ist), dichteten die Israeliten diese Rolle einfach ihrem Nationalgott Jahwe an.

Die mesopotamischen Ursprünge der Bibel zeigen schmerzhaft deutlich: Wer das Alte Testament historisch-kritisch liest, findet keinen göttlichen Masterplan, sondern ein faszinierendes, zutiefst menschliches Zeugnis von Kulturtransfer, politischer Propaganda und literarischer Aneignung.

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