Der Islam ist mit über 1,9 Milliarden Gläubigen eine der größten Weltreligionen. Doch wie in jeder Religion gibt es auch hier verschiedene Strömungen, die sich in Glaubensfragen, Traditionen und politischen Ansichten unterscheiden.
Die beiden größten Gruppen sind die Sunniten und die Schiiten, die zusammen etwa 90–95 Prozent bzw. 10–15 Prozent der Muslime weltweit ausmachen. Doch worin liegen die Unterschiede, und wie kam es zur Spaltung?
Ursprung der Spaltung in Schiiten und Sunniten
Die Trennung zwischen Sunniten und Schiiten geht auf einen Streit um die Nachfolge des Propheten Mohammed zurück, der im Jahr 632 n. Chr. ohne einen klar benannten Nachfolger starb.
Die Sunniten hielten es für richtig, dass die Gemeinde selbst einen Anführer wählt. So wurde Abu Bakr, ein enger Vertrauter Mohammeds, zum ersten Kalifen ernannt.
Die Schiiten vertraten die Ansicht, dass die Nachfolge innerhalb der Familie des Propheten bleiben sollte. Für sie war Ali, Mohammeds Cousin und Schwiegersohn, der einzig legitime Nachfolger.
Diese sunnitisch-schiitische Meinungsverschiedenheit führte zur Spaltung, die sich im Laufe der Jahrhunderte vertiefte und auch in politischen Konflikten mündete.

Schwiegersohn oder Schwiegervater – wer wird Mohammeds Nachfolger?
Dies begann bereits unmittelbar nach dem Tod Mohammeds. Mohammed starb im Jahre 632 ohne direkte männliche Nachkommen – er hatte nur eine Tochter, Fatima.
In den folgenden dreißig Jahren herrschte die sogenannte „Ära der rechtgeleiteten Kalifen“, die sich von (632–661) auf vier Kalife erstreckte:
- Abdallah Abū Bakr (Mohammeds Schwiegervater und erster „Kalif“, 632–634),
- ʿUmar ibn al-Chattāb („Omar“, 634–644),
- ʿUthmān ibn ʿAffān, („Osman“, 644–655) und
- ʿAlī ibn Abī Tālib (Mohammeds Schwiegersohn, „Ali“, 656–661).
In dieser frühen Blütezeit erlangte der Islam zwar weitere Verbreitung (Syrien, Palästina, Ägypten, …), es verschärften sich aber auch die Diskrepanzen bei der Regelung der Nachfolge Mohammeds.
Während die Vordenker des Schiismus darauf bestanden, dass Mohammeds Schwiegersohn Ali (s. o.) seine Nachfolge antreten solle, sahen die Sunniten Mohammeds Schwiegervater Abū Bakr auf dem ersten Platz der Rangfolge.
Die Kamelschlacht
Eine erste kriegerische Auseinandersetzung gab es im Jahr 656 mit der sogenannten Kamelschlacht. Kontrahenten waren Ali auf der einen Seite und einige Gefährten sowie die Ehefrau Mohammeds, Aischa, auf der anderen Seite. Angeblich gab es tausende Tote, Ali war siegreich.
Schlacht von Siffin
Nur ein Jahr später, 657, kämpfte Ali gegen Muawiya, den umayyadischen Statthalter. Die Ummayaden waren eine syrische Herrscherfamilie. Muawiya weigerte sich aus politischen Gründen, Ali anzuerkennen.
Es kam letztendlich zu einer Art Verständigung (Schiedsgericht) auf dem Schlachtfeld, was aber zur Abspaltung der sogenannten Charidschiten führte. Ali wurde 661 von diesen ermordet.

Schlacht von Kerbala
In der Schlacht von Kerbala (Irak) am 10. Oktober 680 entlud sich der Konflikt um Mohammeds Nachfolge erneut, diesmal zwischen dem umayyadischen Kalifen Yazid I. (Sunniten) und Husain ibn ʿAlī, dem Enkel des Propheten und schiitischen Führer (er war Alis Sohn).

Husain stellte sich mit einer Truppe von nur 72 Mann einer übermächtigen Armee, er fiel gemeinsam mit allen seinen Kämpfern in der Schlacht. Sein Märtyrertod ist bis heute ein zentrales Symbol des schiitischen Glaubens.
Politisch festigte die Schlacht die sunnitische Vorherrschaft im Umayyaden-Kalifat. Für Schiiten wiederum ist sie ein bis heute bedeutsames Narrativ und Grundlage des Märtyrerethos, das dadurch im Schiitentum besonders ausgeprägt ist.

Die wichtigsten Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten
Die Forschung spricht teilweise von verschiedenen islamischen „Konfessionen“, so etwa die Islamwissenschaftlerin Najla Al-Amin (Quelle). Der Begriff ist allerdings eher im Christentum gebräuchlich.
Auch gibt es nicht nur die beiden unterschiedlichen Zweige Sunnismus und Schiismus, sondern noch einige weitere Gruppen:
- Die Charidschiten bilden die älteste Strömung des Islam.
- Der Sufismus inkorporiert asketische Ideale (ab dem 9. Jahrhundert).
- Die Wahhabiten sind eine sunnitische Gruppe, die auf Muhammad ibn Abd al-Wahhab (18. Jahrhundert) zurückgeht. Der Wahhabismus ist in Saudi-Arabien Staatsreligion und auch in Katar weit verbreitet.

Mohammeds Nachfolge und Führung
Sunniten glauben, dass die Führung der Gemeinschaft (Umma) in den Händen von Kalifen liegen sollte, die aus der muslimischen Gemeinschaft gewählt werden.
Schiiten hingegen sehen die Führerrolle bei den Imamen, die direkte Nachkommen Alis und Fatimas (Mohammeds Tochter) sind. Diese Imame haben eine besondere spirituelle Autorität und gelten als unfehlbar.
Religiöse Autorität
Bei den Sunniten liegt die religiöse Autorität bei den Gelehrten (Ulama), die den Koran und die Hadithe (Aussprüche Mohammeds) interpretieren.
Schiiten verehren ihre Imame als spirituelle Führer, die eine göttliche Verbindung besitzen. Viele Schiiten glauben, dass der zwölfte Imam (der sogenannte Mahdi) in der Verborgenheit lebt und eines Tages zurückkehren wird, um Gerechtigkeit zu bringen.
Rituale und Gebete
Gebetszeiten:
Schiiten fassen oft einige der fünf täglichen Gebete zusammen, während Sunniten diese strikt getrennt durchführen.
Fünf Säulen:
Die 5 Säulen des Islam gelten grundsätzlich für Sunniten und Schiiten gleichermaßen, da sie die Basis des islamischen Glaubens bilden.
Trauer um Husain:
Für Schiiten spielt das Aschura-Fest eine zentrale Rolle, bei dem sie des Martyriums von Husain, einem Enkel Mohammeds, gedenken (siehe oben). Sunniten betrachten diesen Tag ebenfalls als wichtig, jedoch mit weniger emotionaler und ritueller Bedeutung.
Glaubensbekenntnis (Schahada):
Beide anerkennen die Schahada, aber Schiiten fügen oft den Zusatz hinzu: „… und Ali ist der Freund Gottes.“
Zakat (Almosensteuer):
Die Schiiten haben eine spezifische Form, die Khums (ein Fünftel des Einkommens), zusätzlich zur Zakat.
Rechtsschulen
Sunniten haben vier große Rechtsschulen (Hanafi, Maliki, Shafi’i und Hanbali), die unterschiedliche Interpretationen der Scharia bieten.
Schiiten folgen vor allem der Dschaʿfari-Schule, die eine eigene Interpretation des islamischen Rechts entwickelt hat.
Politische Dimensionen des islamischen Schismas
Die Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten kann als Schisma bezeichnet werden. Der Begriff „Schisma“ beschreibt die Abspaltung oder Trennung innerhalb einer religiösen Gemeinschaft aufgrund von Meinungsverschiedenheiten, meist in theologischen oder organisatorischen Fragen.
Wie bei klassischen Schismen (z. B. dem in der christlichen Kirche zwischen katholischer und orthodoxer Tradition) entwickelte jede Gruppe über die Zeit eigene theologische Lehren, Rituale und Rechtsschulen.
Historisch gesehen hatte die Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten auch eine starke politische Komponente. Viele sunnitische Herrscher unterdrückten schiitische Minderheiten, während schiitische Dynastien (wie die Safawiden im Iran) den Sunniten gegenüber feindlich eingestellt waren.
Auch heute spielen die Unterschiede eine Rolle in geopolitischen Konflikten:
- Länder wie Saudi-Arabien und Ägypten vertreten sunnitische Interessen.
- Iran und Irak sind hingegen stark schiitisch geprägt.
Diese religiöse Spaltung dient jedoch oft als Vorwand für politische und wirtschaftliche Machtkämpfe, anstatt dass sie die eigentliche Ursache der Konflikte wäre.

Gemeinsame Basis
Trotz ihrer Unterschiede haben Sunniten und Schiiten eine gemeinsame Grundlage:
- Beide Gruppen verehren den Koran als heilige Schrift.
- Beide folgen den Grundpfeilern des Islam wie dem Gebet, dem Fasten im Ramadan und der Pilgerfahrt nach Mekka.
- Der Glaube an einen einzigen Gott (Allah) und an Mohammed als letzten Propheten ist für beide zentral.
Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten: Zusammenfassung
Der Unterschied zwischen Schiiten und Sunniten ist sowohl historisch als auch theologisch tief verwurzelt, wird jedoch häufig durch politische und soziale Faktoren verstärkt. Während Sunniten eine stärker gemeinschaftsorientierte Nachfolgelösung bevorzugen, legen Schiiten besonderen Wert auf die spirituelle Führung durch Alis Nachkommen.
Trotz dieser Differenzen verbindet beide Strömungen der gemeinsame Glaube an die Grundsätze des Islam. Die Herausforderung der heutigen Zeit besteht darin, diese Gemeinsamkeiten stärker in den Vordergrund zu rücken und religiöse Vielfalt als Chance statt als Konfliktquelle zu betrachten.
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