22.000 Dokumente für Jesus? Es gibt ja Leute, die bestreiten, dass es Jesus überhaupt jemals gegeben hat. Diese Anhänger des sogenannten Jesus-Mythos tun genau das, was ihr Name suggeriert: Sie halten Jesus für einen Mythos – also nicht nur seine angebliche Göttlichkeit, sondern dass es ihn jemals als historischen Menschen gegeben hat.
Jesus nur ein Mythos? Das Gegenargument der 22.000 Dokumente
Ich bin keiner von den Anhängern des Jesus-Mythos – der wissenschaftliche Konsens sieht es als wahrscheinlich an, dass es einen jüdischen Wanderprediger namens Yeshua gegeben hat, den wir heute als Jesus kennen. Und das denke ich auch.
Ob Jesus Wunder gewirkt hat, von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist, ist eine ganz andere Frage, die ich klar verneinen würde.

Ich denke also, dass es Jesus durchaus gegeben hat. Aber: Die Beweislage, die für Jesu Historizität spricht, ist erstaunlich dünn.
- Die Evangelien sind wenig zuverlässig – man weiß wenig über ihre Verfasser und sie haben einen klaren theologischen Auftrag, dem im Zweifel Vorrang vor der historischen Genauigkeit gegeben wurde.
- Auch mit den außerbiblischen Quellen gibt es auch so einige Probleme: Sie sind spärlich und weisen deutliche Anzeichen davon auf, nachträglich im Sinne des Christentums bearbeitet worden zu sein (Stichwort: „Interpolationen = Einschübe“).
Diskutiert man das mit Christen, taucht schnell die Behauptung auf, es gäbe 22.000 Dokumente, die beweisen, dass es Jesus als historische Figur gegeben hat.
Das ist aber so nicht richtig.

Woher kommt die Zahl 22.000?
Die Zahl von „22.000 Dokumenten“ ist eine häufig genutzte apologetische Argumentation, die jedoch differenziert bewertet werden muss.
Sie bezieht sich primär auf die Anzahl der erhaltenen Manuskripte (Abschriften) des Neuen Testaments, nicht auf 22.000 unterschiedliche historische Quellen oder Augenzeugenberichte.
Ein nüchterner Blick auf die Textüberlieferung des Neuen Testaments ist heilsam, weil er zwei Dinge gleichzeitig zeigt: erstens, wie gut der Text im Großen und Ganzen erhalten ist – und zweitens, wie weit entfernt die ältesten greifbaren Zeugnisse zeitlich von den behaupteten Ereignissen liegen. Wer hier von „Augenzeugenprotokollen“ spricht, sollte sich vorher mit Papyrusfasern beschäftigen.
Die Zahl setzt sich üblicherweise aus folgenden Kategorien zusammen:
- Griechische Manuskripte der Evangelien
Rund 5.800 bekannte Handschriften (von kleinen Fragmenten wie Papyrus 52 bis zu fast vollständigen Kodizes). - Lateinische Übersetzungen
Etwa 10.000 Manuskripte der Vulgata und älterer lateinischer Versionen. Wenn wir von 10.000 lateinischen Manuskripten sprechen, gilt: Alle sind Kopien und der Großteil stammt aus dem Mittelalter. Es existiert heute kein einziges „Original“ (Autograph) der biblischen Texte oder der ursprünglichen Übersetzung des Hieronymus aus dem 4. Jahrhundert mehr. Alles, was wir haben, sind händisch abgeschriebene Exemplare, die über Jahrhunderte in Klöstern vervielfältigt wurden. Die weitaus meisten dieser 10.000 Handschriften wurden zwischen dem 8. und 15. Jahrhundert angefertigt. - Andere antike Übersetzungen
Etwa 9.300 Manuskripte in Sprachen wie Syrisch, Koptisch, Äthiopisch oder Armenisch.
In der Summe ergibt dies sogar über 25.000 Manuskripte, womit das Neue Testament das am besten überlieferte Werk der Antike ist (zum Vergleich: von Homers Ilias existieren weniger als 2.000 Abschriften).
Bewertung der 22.000 Manuskripte
Um die historische Existenz Jesu zu belegen, ist die reine Anzahl der Abschriften nur ein Teil des Arguments. Zumal es sich ja nicht nur um vollständige Abschriften handelt, sondern auch um Fragmente.
„Aber für Julius Cäsar und Alexander den Großen gibt es dann auch keine Belege“
Das Argument, für Jesus gäbe es mehr oder bessere Beweise als für Julius Cäsar oder Alexander den Großen, wird oft in apologetischen Jesus-Debatten verwendet, hält einer fachhistorischen Prüfung jedoch nur sehr bedingt stand.
Für beide Herrscher existieren nämlich unmittelbare materielle Belege wie Münzen mit ihrem Porträt, Inschriften und Statuen. Von Cäsar besitzen wir zudem ein eigenes literarisches Werk (De Bello Gallico).
Von Jesus hingegen es keine zeitgenössischen archäologischen Beweise (wie Inschriften zu Lebzeiten) oder eigene Schriften. Angebliche materielle Relikte wie das Grabtuch von Turin oder andere Reliquien sind wissenschaftlich höchst umstritten.
Zudem ist die reine Anzahl der Kopien keine Aussage über die historische Zuverlässigkeit des Inhalts. Die meisten dieser Kopien stammen zudem aus viel späteren Jahrhunderten
Sehen wir uns nun einige der wichtigsten Aspekte für die Belastbarkeit historischer Dokumente an.
Textuelle Zuverlässigkeit
Die hohe Anzahl belegt vor allem, dass der Text über die Jahrhunderte fleißig überliefert wurde. Forscher können durch den Vergleich der vielen Kopien den ursprünglichen Wortlaut mit hoher Sicherheit rekonstruieren.
Allerdings gibt es auch zahlreiche Abweichungen unter den Manuskripten. Dazu zählen leichte Kopierfehler ebenso wie bewusste Einfügungen und Auslassungen – meist aus theologischen Motiven.
Historische Existenz
Dass Jesus gelebt hat, gilt unter Historikern heute als sehr wahrscheinlich. Dies stützt sich jedoch weniger auf die schiere Menge der Bibel-Kopien, sondern auf:
Die zeitliche Nähe der ersten Schriften, vor allem der Paulusbriefe ca. 20 Jahre nach Jesu Tod). Mit den Paulusbriefen gibt es allerdings auch einige Probleme, wie Hermann Detering gut herausgearbeitet hat.

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Außerbiblische Quellen
Römische und jüdische Historiker wie Flavius Josephus, Tacitus und Sueton, die Jesus oder die frühe Christus-Bewegung erwähnen.
Nun tun Christen meist so, als ob es von diesen außerbiblischen Quellen 22.000 gäbe – und das ist vollkommener Quatsch. Nicht nur, dass es viel weniger waren (in den ersten zwei Jahrhunderten nicht einmal 22, geschweige denn 1.000 oder gar 22.000).
Nicht nur also, dass die Zahl nicht stimmt – sie sind auch inhaltlich umstritten. Lies dazu:
Es gibt keine 22.000 Beweise für Jesus
Es ist daher irreführend zu sagen, es gäbe 22.000 unabhängige Belege. Es handelt sich um 22.000 Kopien von im Kern 27 neutestamentlichen Schriften.
Wer sich nur ein bisschen damit beschäftigt, erfährt dies eigentlich sofort – dass diese Behauptung trotzdem immer wieder auftaucht, zeigt nur, dass Christen sich a) nicht einmal mit den grundsätzlichen Fragen der Textgeschichte des Neuen Testaments auseinandersetzen oder b) diese Tatsachen bewusst verdrehen und für ihren Jesus lügen.
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Erste „Manuskripte“: Papyri 52, 66 und 75
Werfen wir noch einmal einen Blick auf die ältesten Textfragmente. Das berühmteste ist Papyrus 52, das sogenannte Rylands-Fragment. Es enthält wenige Verse aus dem Johannesevangelium (Joh 18) und wird meist auf etwa 125 bis 150 n. u. Z. datiert.
Das klingt beeindruckend, ist es aber nur relativ. Wir sprechen von einem handtellergroßen Fragment, nicht von einem Evangelium, und es entsteht mindestens eine Generation nach dem mutmaßlichen Tod Jesu. Papyrus 52 beweist nicht mehr, als dass das Johannesevangelium zu diesem Zeitpunkt bereits kursierte. Über seinen historischen Wahrheitsgehalt sagt das exakt nichts aus.

Etwas substanzieller sind Papyrus 66 und Papyrus 75. Papyrus 66, meist um 200 n. u. Z. datiert, enthält große Teile des Johannesevangeliums. Papyrus 75, der in die Zeit zwischen etwa 175 und 225 n. u. Z. gehört, bietet umfangreiche Abschnitte aus Lukas und Johannes.

Diese Handschriften sind für die Textkritik enorm wichtig, weil sie zeigen, dass der Textkern der Evangelien im 3. Jahrhundert bereits relativ stabil war. Sie zeigen aber ebenso, dass wir uns immer noch weit nach der Entstehungszeit der Texte befinden – und noch weiter entfernt von den geschilderten Ereignissen.
Erstes vollständiges Evangelium
Damit sind wir bei den ältesten Evangelien selbst. Das Markusevangelium gilt in der Forschung überwiegend als das älteste und wird meist kurz nach der Zerstörung Jerusalems, also um 70 n. u. Z., datiert.
Matthäus und Lukas folgen wahrscheinlich zwischen 80 und 90 n. u. Z., Johannes am spätesten, etwa zwischen 90 und 100 n. u. Z., manche datieren ihn auch noch etwas später.
Keines dieser Evangelien nennt einen Autor im Text selbst, keines stammt nachweislich von einem Augenzeugen, und alle sind theologische Deutungen, keine neutralen Chroniken. Dass sie Jahrzehnte nach den Ereignissen entstehen, ist kein Skandal, sondern in der antiken Historiografie normal – nur sollte man dann eben aufhören, sie wie stenografische Mitschriften zu behandeln.
Das älteste „Neue Testament“ als Sammlung ist eine noch einmal andere Frage. Die frühesten erhaltenen Handschriften, die fast das gesamte Neue Testament enthalten, stammen erst aus dem 4. Jahrhundert.
Hier sind vor allem der Codex Vaticanus und der Codex Sinaiticus zu nennen, beide um 325 bis 360 n. u. Z. datiert.
Der Vaticanus enthält fast das gesamte Alte Testament in griechischer Übersetzung und den Großteil des Neuen Testaments, allerdings fehlen Teile, etwa die Offenbarung.
Der Codex Sinaiticus ist noch umfangreicher: Er enthält das komplette Neue Testament und darüber hinaus Texte wie den Barnabasbrief und den Hirten des Hermas, die später aus dem Kanon flogen. Allein das zeigt, wie offen die Kanonfrage selbst im 4. Jahrhundert noch war.

Erste vollständige Bibel
Damit sind wir bei der ältesten erhaltenen „Gesamtbibel“. Auch hier ist der Codex Sinaiticus der wichtigste Zeuge. Er ist die älteste bekannte Handschrift, die sowohl das Alte Testament (in der griechischen Septuaginta-Version) als auch das Neue Testament nahezu vollständig vereint.

Wir befinden uns also gut 300 Jahre nach Jesus. Wer daraus schließt, Gott habe seine Offenbarung „perfekt bewahrt“, muss erklären, warum diese Bewahrung so lange ohne vollständige Buchform auskam und warum selbst in dieser frühen Bibel Texte stehen, die später als nicht inspiriert galten. und bei den Debatten um den Bibel-Kanon wieder rausgeflogen (Thomas-Evangelium, Judas-Evangelium, Barnabas-Evangelium etc).
Fazit: 22.000 stimmt nicht und die Zeit stimmt auch nicht
Das oft bemühte Argument von den „22.000 Dokumenten, die Jesus belegen“, ist bei näherem Hinsehen weniger ein historischer Befund als ein rhetorischer Taschenspielertrick, wie wir ihn etwa auch von den angeblichen 500 Augenzeugen der Auferstehung kennen, den angeblichen 1.800 Prophezeiungen, den angeblichen Herrenreliquien und den angeblichen Wundertaten Jesu.

Es lebt davon, dass Quantität mit Qualität verwechselt wird und dass sehr unterschiedliche Textgattungen in einen Topf geworfen werden, um am Ende eine beeindruckende, aber irreführende Zahl präsentieren zu können. Apologeten, die dieses Argument vertreten, sind daher entweder schlecht informiert oder intellektuell unredlich.
Die Zahl 22.000 meinte keine unabhängigen historischen Zeugnisse. Gemeint sind Abschriften, Übersetzungen und Fragmente christlicher Texte, vor allem neutestamentlicher Schriften, in verschiedenen Sprachen und aus verschiedenen Jahrhunderten. Wer jede griechische Handschrift, jede lateinische Übersetzung, jede syrische oder koptische Textvariante als eigenes „Dokument“ zählt, zählt im Grunde denselben Text tausendfach. Das ist so, als würde man behaupten, Goethes Existenz sei durch zehntausend Belege gesichert, weil sein „Faust“ in zehntausend Bibliotheken steht.
Hinzu kommt, dass der überwältigende Großteil dieser Texte nicht aus dem 1. Jahrhundert stammt, sondern aus dem Mittelalter. Sie belegen vor allem eines: dass das Christentum erfolgreich war, sich institutionell durchsetzte und seine Texte massenhaft kopieren ließ.
Sie belegen nicht, dass die darin erzählten Ereignisse historisch zutreffen, sondern nur, dass sie geglaubt und tradiert wurden. Über die historische Gestalt Jesu sagen sie inhaltlich nichts Neues, weil sie alle auf denselben wenigen literarischen Vorlagen beruhen.

Ein weiterer zentraler Punkt ist die fehlende Unabhängigkeit der Quellen. Historische Belege gewinnen ihr Gewicht nicht durch ihre Anzahl, sondern durch ihre Eigenständigkeit.
Die Evangelien sind literarisch miteinander verwoben, spätere christliche Texte zitieren oder paraphrasieren sie, Kirchenväter kommentieren sie, Abschreiber vervielfältigen sie. Das erzeugt Masse, aber keine neue Evidenz. Zwanzigtausend Abschriften eines Gerüchts machen aus dem Gerücht keine Tatsache.
Problematisch wird das Argument endgültig dort, wo der Eindruck erweckt wird, diese Dokumente seien zeitnah zu Jesus entstanden. Das ist schlicht falsch. Die frühesten Texte entstehen Jahrzehnte nach den angeblichen Ereignissen, die frühesten Fragmente sind klein und lückenhaft, vollständige neutestamentliche Handschriften liegen erst Jahrhunderte später vor. Die Zahl „22.000“ verschleiert diesen zeitlichen Abstand und suggeriert eine Nähe, die es historisch nicht gibt.
Die Behauptung von den „22.000 Dokumenten“ ist kein seriöses historisches Argument, sondern apologetische Zahlenmagie.
Sie sagt etwas über die Verbreitung christlicher Texte aus, nicht über die historische Absicherung der Jesusgestalt oder gar seiner Wunder und Auferstehung. Wer Geschichte ernst nimmt, fragt nach Datierung, Kontext, Unabhängigkeit und Intention der Quellen – und nicht danach, wie hoch man eine Zahl treiben kann, um Skepsis zu übertönen.

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