Sufismus Einführung

Was ist Sufismus? Von wirbelnden Derwischen und Wunschdenken

Wer heute nach dem Sufismus fragt, bekommt oft das Bild von drehenden Derwischen, duftendem Weihrauch und der herzerwärmenden Lyrik von Rumi serviert. 

In einer Welt, die sich nach „Spiritualität“ sehnt, aber mit den harten Dogmen der Amtsreligionen fremdelt, wird der Sufismus gerne als die „Light-Variante“ des Islam vermarktet. Doch was verbirgt sich wirklich hinter diesem Etikett? Ist es eine tiefere Wahrheit oder nur eine besonders kunstvoll verzierte Sackgasse der Religionsgeschichte?

Sufismus: Eine Einführung in die islamische Mystik (C.H.BECK Wissen)
Das Buch führt in die zentralen Begriffe der islamischen Mystik ein und schreitet die Stationen der Sufis auf ihrem Weg zu mystischer Gottesliebe und Gotteserkenntnis ab. [Anzeige]

Entstehung des Sufismus: historischer Abriss

Der Sufismus entstand nicht plötzlich als fertige „mystische Schule“, sondern entwickelte sich im 8. und 9. Jahrhundert n. u. Z. aus asketischen Strömungen innerhalb der frühen islamischen Gesellschaft. 

Geschichte des Islam (Buch)
Die Geschichte des Islam ist komplex. Gudrun Krämer gibt einen guten Überblick [Klicke auf das Cover | Anzeige]

In den schnell wachsenden Städten des Kalifats, besonders in Basra, Kufa und später Bagdad, reagierten einzelne Gläubige auf den zunehmenden Wohlstand und die politische Macht der Umayyaden- und Abbasidenzeit mit bewusster Weltabkehr. 

Diese frühen Asketen betonten Frömmigkeit, Armut und die innere Beziehung zu Gott statt äußerer Religionspraxis. Der Begriff „Sufi“ wird meist vom arabischen Wort „ṣūf“ („Wolle“) abgeleitet, weil viele dieser Frommen einfache Wollkleidung als Zeichen der Askese trugen. 

Im 9. und 10. Jahrhundert entwickelte sich aus dieser Bewegung eine zunehmend ausgearbeitete mystische Tradition mit eigenen Lehrern, Begriffen und spirituellen Praktiken, etwa der Suche nach unmittelbarer Gotteserfahrung oder der Idee der „Vernichtung des Selbst“ in Gott (fanāʾ).

Was ist Sufismus?
Derwische tanzen sich in Trance: So stellt man sich landläufig Sufis in Aktion vor (KI-Interpretation)

Dabei griff der Sufismus sowohl auf den Koran und islamische Frömmigkeit zurück als auch auf Einflüsse aus spätantiken asketischen und philosophischen Traditionen, etwa aus christlicher Mystik oder neuplatonischem Denken. Im Laufe des Mittelalters institutionalisierten sich diese Strömungen in Bruderschaften (ṭuruq), die den Sufismus zu einer prägenden Form islamischer Spiritualität machten.

Die Vorlesung gibt einen detaillierten Einblick in die Geschichte des Sufismus

Verbreitung des Sufismus

Die geografische Verteilung des Sufismus erstreckt sich über die gesamte islamische Welt und darüber hinaus, wobei die Intensität und Form der Ausübung stark variieren. Da Sufismus eine Dimension innerhalb des Islams ist, finden sich Sufis überall dort, wo Muslime leben, oft jedoch mit regionalen Schwerpunkten. 

Afrika

In Subsahara-Afrika ist die Identifikation mit Sufi-Orden am stärksten ausgeprägt. In vielen Ländern gehört ein signifikanter Anteil der muslimischen Bevölkerung einer Bruderschaft (Tariqa) an. 

  • Westafrika: Spitzenreiter ist Senegal (ca. 92 % der Muslime gehören einem Orden an, v. a. Tijaniyya und Muridiyya), gefolgt von Ländern wie dem Tschad (55 %), Kamerun (48 %) und Niger (47 %).
  • Nordafrika: Ägypten (9 %) und Marokko haben lange sufische Traditionen, wobei der Einfluss oft über die formelle Mitgliedschaft hinausgeht. 
Tausende Sufis feiern „Mawlid“ (islamisches Fest zu Ehren des Propheten Mohammed) in Dakar (Senegal)

Südasien und Südostasien

Diese Region beherbergt zahlenmäßig die meisten Muslime weltweit, und der Sufismus hat dort die Kultur tief geprägt.

  • Indien & Pakistan: Zentren wie Ajmer oder Lahore sind bekannt für ihre Sufi-Schreine. Etwa 17 % der Muslime in Pakistan und 10 % in Indien identifizieren sich explizit mit Sufi-Orden wie den Chishtiyya oder Qadiriyya.
  • Bangladesch: Hier geben ca. 26 % der Muslime an, einem Sufi-Orden anzugehören. 

Zentralasien und Naher Osten

  • Zentralasien: Besonders in Tadschikistan (18 %) und Usbekistan (11 %) ist der Sufismus präsent, oft geprägt durch den Naqshbandi-Orden, der historisch aus dieser Region stammt.
  • Türkei: Trotz des formellen Verbots von Sufi-Orden im Jahr 1925 bleibt der Sufismus (z. B. Mevleviyya) ein zentraler Bestandteil der kulturellen Identität.
  • Arabische Halbinsel: Hier ist die Präsenz vergleichsweise geringer, da orthodoxere Strömungen (wie der Wahhabismus) den Sufismus oft ablehnen. 

Europa und der Westen

  • Balkan: In Bosnien, Albanien (13 %) und dem Kosovo gibt es eine jahrhundertealte Sufi-Tradition (v. a. Bektaschi), die die Zeit des Kommunismus überdauert hat.
  • Westeuropa: Durch Migration und Konvertiten haben sich Orden wie die Naqshbandiyya in Deutschland (ca. 10.000 aktive Mitglieder) oder die Shadhiliyya in Frankreich etabliert.

Was versteht man unter Sufismus und der „Suche nach der inneren Wahrheit“?

Der Sufismus (Tasawwuf) wird oft als die mystische Dimension des Islam bezeichnet. Während der „Mainstream-Muslim“ sich an die Scharia und äußere Rituale hält, sucht der Sufi den „Weg nach innen“. 

Es geht um die unmittelbare Erfahrung des Göttlichen – eine Abkürzung zur Erleuchtung, wenn man so will. Historisch gesehen entstand diese Bewegung als Reaktion auf die zunehmende Verweltlichung des Kalifats. Man wollte zurück zur Askese.

Warum bezeichnen sich Sufis oft als Suchende auf dem Pfad Gottes?

Die Selbstbezeichnung als „Suchender“ klingt bescheiden und intellektuell ansprechend. Doch wer sucht, setzt voraus, dass es etwas zu finden gibt, das außerhalb der materiellen Realität liegt. 

Im Sufismus ist dieser Pfad (Tariqa) streng hierarchisch gegliedert. Der Schüler ordnet sich einem Meister (Scheich) unter. Was romantisch als Seelenführung verkauft wird, gleicht bei objektiver Betrachtung oft einer psychologischen Abhängigkeit, die kritisches Denken eher im Keim erstickt als fördert.

Sufismus: Das mystische Herz des Islam: Das mystische Herz des Islam. Eine Einführung
Das vorliegende Standardwerk gibt einen umfangreichen Einblick in die Vielfalt des Sufismus [Anzeige]

Welche Rolle spielt die Askese in der Geschichte der islamischen Mystik?

Frühe Sufis trugen Wolle (Suf), daher vermutlich der Name. Diese gewollte Armut war ein Protest gegen den Prunk der Herrschenden. 

Aber mal ehrlich: Hunger und Schlafmangel erzeugen keine Erkenntnis, sondern Halluzinationen. Was die Mystiker als „göttliche Vision“ verbuchten, würde ein moderner Neurologe schlicht als biochemische Fehlfunktion eines unterversorgten Gehirns diagnostizieren.

Wie funktioniert der Sufismus in der Praxis und was passiert beim Dhikr?

Wenn man fragt: „Wie meditieren Sufis?“, landet man unweigerlich beim Dhikr. Das ist das meditative Gedenken Gottes, oft durch die endlose Wiederholung bestimmter Formeln oder Namen. Das Ziel ist Fana – die Auslöschung des Ichs in Gott.

Was passiert im Gehirn bei den rituellen Tänzen der Derwische?

Die berühmten „tanzenden Derwische“ des Mevlevi-Ordens nutzen die Drehung, um in Trance zu verfallen. 

Aus wissenschaftlicher Sicht ist das wenig mystisch: Durch die monotone Bewegung und kontrollierte Hyperventilation verändert sich die Hirnaktivität. Es ist ein körpereigener Drogentrip, verpackt in ein religiöses Gewand. Wer sich lang genug im Kreis dreht, verliert das Gleichgewicht – physisch wie intellektuell.

Warum nutzen Sufi-Orden Musik und Poesie als spirituelle Werkzeuge?

Musik gilt im orthodoxen Islam oft als dubios, im Sufismus ist Musik aber zentral. Die Sehnsucht der menschlichen Seele nach „Heimkehr“ wird in wunderschöne Verse gegossen, es wird gesunden und dazu getanzt.

Aus religionskritischer Sicht ist dies zwar spannend – aber Ästhetik ist kein Beleg für Wahrheit. Nur weil ein Gedicht von Rumi uns zu Tränen rührt, bedeutet das nicht, dass seine metaphysischen Annahmen über das Jenseits korrekt sind. Es ist und bleibt Kunst, keine Erkenntnistheorie.

Ist der Sufismus wirklich die friedliche Alternative zum fundamentalistischen Islam?

Gerne wird der Sufismus als „Gegenentwurf“ zum Salafismus präsentiert. Das ist ein beliebtes Narrativ westlicher Politiker, die verzweifelt nach einem „moderaten Islam“ suchen. Doch diese Sichtweise ist gefährlich naiv.

Warum ist die Verehrung von Heiligen im Sufismus problematisch?

Im Sufismus werden Gräber von Heiligen (Walis) verehrt, was bei radikalen Sunniten als Götzendienst gilt. Es werden also religiöse Konflikte geschürt.

Für uns Skeptiker ist das Problem aber ein anderes: Es ist purer Aberglaube. Menschen pilgern zu Gräbern und erhoffen sich Heilung oder Glück. Das ist magisches Denken in Reinkultur, das die Menschen davon abhält, reale, evidenzbasierte Lösungen für ihre Probleme zu suchen.

Kann man Sufismus ohne Religion praktizieren oder bleibt es ein Dogma?

Oft wird versucht, den Sufismus zu „säkularisieren“ – quasi als Achtsamkeitstraining mit orientalischem Flair. Doch im Kern bleibt der Sufismus fest im islamischen Dogma verwurzelt. 

Ohne den Glauben an das Übernatürliche bricht das ganze Kartenhaus zusammen. Am Ende des Tages ist auch der Sufismus nur ein weiteres System, das behauptet, Antworten zu haben, wo es eigentlich nur Fragen gibt. Immerhin aber mit einer Menge Poesie.

Sufismus: Das mystische Herz des Islam: Das mystische Herz des Islam. Eine Einführung
Das vorliegende Standardwerk gibt einen umfangreichen Einblick in die Vielfalt des Sufismus [Anzeige]
Sufismus: Eine Einführung in die islamische Mystik (C.H.BECK Wissen)
Das Buch führt in die zentralen Begriffe der islamischen Mystik ein und schreitet die Stationen der Sufis auf ihrem Weg zu mystischer Gottesliebe und Gotteserkenntnis ab. [Anzeige]

Du möchtest ab und zu eine Verkündigung? Abonniere hier den Newsletter. 

Entdecke mehr von konfessionen.org

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen

×