Dogmen begegnen uns nicht nur in der Religion, sondern auch in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft – immer dann, wenn bestimmte Überzeugungen als unangreifbar gelten. 

Während Dogmen für Ordnung und Identität sorgen können, sind sie zugleich potenzielle Denkblockaden. Wer Dogmen aufstellt, will oft nicht diskutieren, sondern gehorchen lassen. Der Umgang mit ihnen entscheidet darüber, ob ein Weltbild offen für neue Erkenntnisse bleibt – oder sich gegen Kritik immunisiert.

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Begriffserklärung und Ursprung

Ein Dogma ist mehr als eine Meinung: Es ist eine als unumstößlich geltende Wahrheit, die nicht hinterfragt, sondern geglaubt oder akzeptiert werden soll. 

Etymologie: Vom altgriechischen „dogma“

Das Wort „Dogma“ stammt aus dem Altgriechischen (dógma) und bedeutet so viel wie „Meinung“, „Satzung“ oder „Beschluss“. 

Ursprünglich bezog sich der Begriff auf eine festgelegte Meinung oder Entscheidung – etwa in philosophischen Schulen oder staatlichen Dekreten. Erst später erhielt er die religiöse Konnotation einer verbindlichen Glaubenswahrheit.

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Ursprüngliche Bedeutung im philosophischen und religiösen Kontext

In der antiken Philosophie, etwa bei den Stoikern oder Epikureern, war ein Dogma ein Leitsatz des Denkens – etwas, das als wahr erachtet und gelehrt wurde, aber durchaus diskutierbar blieb. 

Im religiösen Kontext veränderte sich die Bedeutung: Ein Dogma wurde zur ewigen, göttlich offenbarten Wahrheit erklärt, der sich der Gläubige zu unterwerfen hat.

Der Übergang vom „Leitsatz“ zum „Gebot“ markiert die Transformation vom „Denken“ zum „Gehorchen“.

Dogmen in der Religion

Religionen sind durchsetzt von Dogmen. Das ist ganz natürlich – schließlich bestehen Religionen letztendlich aus ontologischen Behauptungen, die sich einer wissenschaftlichen, evidenzbasierten Überprüfung entziehen und entziehen wollen.

Bestimmte metaphysische Grundannahmen – etwa bezüglich der Existenz bestimmter Götter oder von Göttern überhaupt oder bezüglich einer übernatürlichen Dimension/Sphäre – müssen angenommen werden, wenn diese Gedankengebäude auch nur den ersten skeptischen Windhauch überstehen sollen. Hinterfragen ist da nicht vorgesehen.

Christentum: die bekanntesten Dogmen der Kirche

Im Christentum bilden Dogmen die theologische Grundstruktur. 

Besonders in der katholischen Kirche gelten sie als göttlich offenbart und unfehlbar – etwa die Trinität, die Jungfrauengeburt oder die leibliche Auferstehung Jesu. 

Spätere Dogmen wie die „Unbefleckte Empfängnis Mariens“ oder die „leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel“ zeigen, dass Dogmen nicht nur aus der Bibel stammen, sondern oft das Ergebnis innerkirchlicher Machtprozesse sind – beschlossen auf Konzilien, verkündet von Päpsten, nicht selten gegen inneren Widerspruch.

Islam und Judentum: Gibt es dort Dogmen?

Der Islam kennt keine formalen Dogmen im katholischen Sinn, aber zentrale Glaubensartikel, etwa … 

Wer diese leugnet, gilt nicht mehr als Muslim. 

Auch im Judentum gibt es keine autoritäre Dogmenlehre, doch Maimonides formulierte im Mittelalter in seinem „Wegweiser für die Verwirrten“ 13 Glaubenssätze, die als „orthodox“ gelten.

In beiden Fällen zeigt sich: Auch ohne formelle Dogmen gibt es theologische Grundüberzeugungen, die als verbindlich gelten – und deren Infragestellung religiöse Zugehörigkeit gefährden kann.

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Dogmen und ihre Funktion im Glaubenssystem

Dogmen erfüllen eine zentrale Funktion: Sie schaffen Einheit, Identität und Abgrenzung. Sie markieren den Kanon des Erlaubten und bewahren die Lehre vor „Irrtümern“ (Häresien).

Gleichzeitig verhindern sie oft geistige Entwicklung, weil sie Diskussionen nicht zulassen. Ein Glaubenssystem mit Dogmen schützt sich selbst – vor äußeren Angriffen und inneren Zweifeln. Das kann stabilisieren – oder erstarren lassen.

Christliche Dogmatik vs. Wissenschaft

Die christliche Dogmatik, also die systematische Darstellung und Verteidigung der kirchlichen Glaubenslehren, gerät seit Jahrhunderten immer wieder in Konflikt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. 

Besonders deutlich wird das bei Themen wie der Schöpfung, der Jungfrauengeburt, der Auferstehung, der Himmelfahrt oder der Unfehlbarkeit kirchlicher Autoritäten (Papst). 

Was ist ein Dogma?
Päpste gelten laut katholischer Dogmatik als unfehlbar

Während die Naturwissenschaft auf überprüfbare Hypothesen, Experimente und Falsifizierbarkeit setzt, hält die Dogmatik an überlieferten „Wahrheiten“ fest, die nicht hinterfragt werden dürfen. 

Dieser Absolutheitsanspruch steht dem wissenschaftlichen Zweifel diametral entgegen. So wird der Glaube an ein Sechs-Tage-Schöpfungsmodell oder die wörtliche Inspiration der Bibel auch dann aufrechterhalten, wenn Geologie, Evolutionsbiologie oder Textkritik längst gegenteilige Befunde liefern. 

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Statt Erkenntnis wird Gehorsam verlangt – und wer Fragen stellt, läuft Gefahr, als „Glaubensfeind“ abgestempelt zu werden. Der Konflikt ist damit nicht nur sachlich, sondern strukturell: Während die Wissenschaft vom Zweifel lebt, lebt die Dogmatik vom Ausschluss desselben.

Weltliche Dogmen – mehr als Religion

Auch säkulare Weltanschauungen sind nicht frei von Dogmen.

Ideologische Dogmen in Politik und Gesellschaft

In autoritären Regimen gelten bestimmte Ideologien als absolute Wahrheit – ob marxistisch, nationalistisch oder neoliberal. Wer davon abweicht, wird schnell zum Feind erklärt. 

Aber auch in Demokratien kann sich politische Korrektheit oder ideologische Reinheit in dogmatische Starrheit verwandeln, wenn Diskussionen durch moralische Tabus ersetzt werden.

Wissenschaftsdogmen: wenn Theorie zur Lehre wird

Ironischerweise bleibt selbst die Wissenschaft nicht immer frei von dogmatischem Denken. Wenn Theorien nicht mehr als Hypothesen behandelt, sondern als unumstößliche Wahrheiten verteidigt werden, wird Wissenschaft zur Orthodoxie. 

Historische Beispiele sind die Ablehnung der Evolution im 19. Jahrhundert oder der Widerstand gegen die Relativitätstheorie.

Dogmatisches Denken im Alltag

Auch im Alltag denken wir oft dogmatisch – etwa wenn wir von anderen erwarten, „dass man das eben so macht“, ohne zu reflektieren, warum. Rollenbilder, soziale Erwartungen oder moralische Urteile werden oft unhinterfragt übernommen. 

Dogmen im Alltag funktionieren subtil – aber umso wirksamer, weil sie kaum als solche erkannt werden. Sie prägen unsere Entscheidungen, unsere Beziehungen, unsere Sicht auf die Welt.

Kritik am Dogma

Unhinterfragbarkeit als Problem

Das zentrale Problem jedes Dogmas ist seine Immunität gegen Kritik. Was nicht hinterfragt werden darf, kann auch nicht verbessert werden. 

Dogmen brechen den Diskurs ab – sie setzen ihn nicht fort. Wer sich auf ein Dogma beruft, sagt im Grunde: „Darüber wird nicht gesprochen.“ Damit wird Erkenntnis verhindert – zugunsten von Gehorsam. 

Bei der Kosmologie bzw. der Frage nach der Letztbegründung ist der dogmatische Abbruch eine der drei Möglichkeiten, die Hans Albert in seinem berühmten Trilemma formulierte. 

Hans Albert: Zur Analyse und Kritik der Religionen
Kritischer Rationalismus:
Hans Albert

Dogmen und geistige Unfreiheit

Dogmen erzeugen geistige Unfreiheit. Sie zwingen den Menschen, etwas zu glauben, ohne es prüfen zu dürfen. 

In religiösen Kontexten gilt das als Tugend – „Glauben heißt nicht wissen“. Doch aus aufgeklärter Perspektive ist das gefährlich: Wo Zweifel unterdrückt werden, beginnt die Ideologie. Freiheit beginnt da, wo man auch das Heiligste in Frage stellen darf.

Warum Zweifel oft produktiver ist als blinder Glaube

Zweifel ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von geistiger Redlichkeit. Wer zweifelt, denkt nach – wer glaubt, ohne zu fragen, delegiert sein Denken. 

Produktive Zweifel führen zu Erkenntnis, Weiterentwicklung und echter Überzeugung. Dogmen hingegen verlangen blinden Gehorsam – eine Haltung, die selten zu mehr führt als zur Reproduktion des Status quo.

Warum wir Dogmen erkennen und kritisch prüfen sollten

Dogmen sind nicht per se schlecht – sie können Orientierung bieten und Diskussionen strukturieren. Problematisch werden sie erst, wenn sie sich der Kritik entziehen und zur alleinigen Wahrheit erklären. 

Deshalb ist es wichtig, Dogmen zu erkennen, sie zu hinterfragen – und notfalls zu verwerfen. Nicht jede Überzeugung verdient Heiligkeit.

Die Grenze zwischen Überzeugung und Indoktrination

Überzeugungen entstehen durch Reflexion, Erfahrung und Dialog. Dogmen hingegen verlangen Zustimmung ohne Prüfung – das ist Indoktrination. 

Karikatur Religion & Kirche
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Wer in einer pluralen, offenen Gesellschaft leben will, muss bereit sein, auch das, was ihm lieb und heilig ist, zur Diskussion zu stellen. Nur so bleibt Denken lebendig – und Freiheit mehr als ein Wort.

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